«Es bestehen grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Garagen»

Der FIGAS-Branchenspiegel attestiert den Markenhändlern ein solides Geschäftsjahr 2018. Jvan Hutter, Ökonom und Leiter Business Management bei der FIGAS Autogewerbe-Treuhand der Schweiz AG, im Interview über Renditen, Elektromobilität und die Schwierigkeiten für mittelgrosse Betriebe.

Herr Hutter, wie geht es dem Schweizer Garagisten heute?
Generell hat sich das Schweizer Autogewerbe trotz der starken Wettbewerbssituation – bedingt durch die grosse Modellvielfalt, die hohe Fahrzeugdichte, veränderte rechtliche Rahmenbedingungen, die voranschreitende Digitalisierung oder ganz allgemein Strukturveränderungen, um einige Beispiele zu nennen – recht gut im Markt gehalten. Wie in den meisten anderen Branchen besteht jedoch eine grosse Bandbreite, abhängig von Faktoren wie Betriebsgrösse oder Kostenstruktur. Bei zahlreichen Garagen führt die zunehmende Thematik der Digitalisierung und Elektrifizierung sowie bevorstehende Nachfolgeregelungen zu gewissen Unsicherheiten betreffend der zukünftigen strategischen Positionierung.

Im FIGAS-Branchenspiegel ist nachzulesen, dass die Eigenkapitalrendite der Markenhändler durchschnittlich 4.9 Prozent erreicht hat. Ist das aus Ihrer Sicht ein zufriedenstellender Wert?
Wir haben in den letzten fünf Jahren eine Steigerung von 2.6 auf 4.9 Prozent erlebt. Diese Entwicklung geht sicher in die richtige Richtung. Der Wert ist solid, doch auch hier gibt es grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Unternehmen. Die Rentabilität konnte im Schnitt verbessert werden, das Ergebnis des einzelnen Betriebs hängt jedoch teils stark von der Erreichung der Zielvorgaben der Importgesellschaften ab. Tendenziell haben die mittelgrossen Betriebe zurzeit am meisten zu kämpfen. Die grösseren Betriebe können mit Massnahmen wie beispielsweise Zentralisierung der Administration oder dank besseren Einkaufskonditionen ihre Kostenstruktur verbessern. Kleinere Betriebe haben oft eine sehr schlanke Organisation, was ebenfalls einen positiven Effekt auf die Rentabilität hat. Dennoch ist die Renditefrage sehr individuell zu beurteilen und hängt von verschiedenen Faktoren ab: beispielsweise die Forderungen der Hersteller an die Standards oder einzelne Investitionsentscheidungen des Händlers. Entscheidend für Erfolg oder Misserfolg sind nicht zuletzt die Mitarbeitenden.

Was raten Sie Garagen mit ungenügender Eigenkapitalrendite?
Eine Möglichkeit, diese zu verbessern, besteht in der Reduktion des Eigenkapitals, sei dies durch Dividendenbezüge oder Kapitalrückzahlungen. Eine Verbesserung ist auf diese Weise aber nur möglich, wenn die Fremdkapitalkosten tiefer sind als die Gesamtkapitalkosten. Ferner ist darauf zu achten, dass Eigen- und Fremdkapital in einem gesunden Verhältnis bleiben, damit es bei den Kreditkonditionen keine bösen Überraschungen gibt. Auch im Hinblick auf eine Nachfolgeregelung kann es unter Umständen Sinn ergeben, das Eigenkapital zu reduzieren, damit der dadurch tiefere Unternehmenswert für einen Käufer besser finanzierbar wird.

Die Daten im FIGAS-Branchenspiegel stammen aus Betrieben, die im Verkauf einen direkten Verkaufsvertrag mit einem Importeur haben. Was bedeutet der Branchenspiegel für die freien Garagen und die Betriebe, die sich einem Garagenkonzept angeschlossen haben?
Ihnen dient der Branchenspiegel als Informationsinstrument, in welcher Bandbreite sich die Branche bewegt. Diese Vergleichsmöglichkeit bietet keine andere Publikation der Branche. Der Branchenspiegel unterstützt die Garagisten darin, den eigenen Betrieb kritisch zu durchleuchten, die eigenen Stärken und Schwächen zu analysieren und entsprechende Massnahmen zu ergreifen. Wir stellen immer wieder fest, dass besonders bei den kleineren Betrieben oft entsprechende Controlling-Instrumente fehlen.

Eine grundsätzliche Frage zum Branchenspiegel: Sie bieten eine Fülle an Zahlen für jeden betriebswirtschaftlichen Bereich in einer Garage. Was aber fängt der einzelne Garagist mit diesen Durchschnittszahlen an?
Für das strategische Management und den nachhaltigen Erfolg eines Unternehmens ist es wichtig, die Entwicklungen und finanzwirtschaftlich wichtigen Zahlen zu kennen und zu analysieren. Der Branchenspiegel ermöglicht den Vergleich des eigenen Betriebs mit den Durchschnittswerten der Mitbewerber. Wir empfehlen, die Analysen mit einem Fachmann zu besprechen und die entsprechende Positionierung sowie die Umsetzung im eigenen Betrieb festzulegen.

Das Autogewerbe befindet sich in einem fundamentalen Wandel. Welche Betriebe werden überleben und welche werden in den nächsten Jahren in Schwierigkeiten geraten?
Einerseits wird es für die kleinen Betriebe voraussichtlich schwieriger, mit dem rasanten technischen Wandel Schritt zu halten. Andererseits wird der dominierende Anteil der Fahrzeuge nach wie vor mit Verbrennungsmotoren ausgerüstet sein, die gewartet werden müssen. Dies wiederum ist eine Chance für die kleineren und freien Garagisten. Bereits heute suchen Besitzer von älteren Fahrzeugen nicht mehr zwingend den Markenhändler auf, sondern oft freie Garagisten oder solche, die sich einem Konzept angeschlossen haben. Grundsätzlich wird es für jene Betriebe schwierig, denen es nicht gelingt, geeignete Fachkräfte zu finden beziehungsweise der Aus- und Weiterbildung zu wenig Beachtung schenken.

Im Neuwagenhandel rät FIGAS zu «vereinten Anstrengungen», um die Volumenvorgaben der Importeure zu erreichen. Wird der Konzentrationsprozess im Schweizer Autogewerbe weitergehen?
Der Neuwagenanteil liegt seit über 30 Jahren auf konstantem Niveau. Das Automobilgewerbe wird sich jedoch voraussichtlich nachdrücklicher und schneller verändern als in der Vergangenheit. Man kann diese Entwicklung als «dynamisches Umfeld» beschreiben oder auch das Kind beim Namen «Verdrängungsmarkt» nennen. Es wird immer wichtiger werden, die Vorgaben der Hersteller zu erfüllen. Dadurch ist es denkbar beziehungsweise absehbar, dass sich die Konzentration auf grosse Händlergruppen weiter fortsetzen wird. Ich meine damit regionale Kompetenzzentren in Bereichen wie Elektrifizierung, Verwaltung, Ausbildung oder Logistik. Neuerdings ist auch festzustellen, dass ausländische Investoren im Automobilgewerbe in der Schweiz aktiv werden. Für die kleineren und mittleren Betriebe besteht hier sicher die Herausforderung, die notwendigen Investitionen selber aufzubauen oder sich einem Verbund anzuschliessen, um an den Synergieeffekten zu partizipieren. Kleinbetriebe dürften sich über kurz oder lang aus dem Neuwagenverkauf zurückziehen und sich einem Werkstattkonzept anschliessen.

Die Umsätze bei den Werkstattarbeiten konnten seit 2014 kontinuierlich gesteigert werden. Auch die Bruttogewinne im Aftersales sind angestiegen. Wann wird hier die Elektrifizierung zu einer Abschwächung führen?
Das hängt von verschiedenen Faktoren ab, aber natürlich in erster Linie von der Entwicklung des Marktanteils der elektrisch angetriebenen Fahrzeuge. Und die wiederum wird beeinflusst von der verfügbaren Stromversorgung, der Verkehrspolitik und von politischen Lenkungsmassnahmen. Die Tendenz zur Elektromobilität wird sich in absehbarer Zeit sicher beschleunigen, allerdings werden wir neben rein elektrisch betriebenen auch eine zunehmende Zahl von Hybridfahrzeugen erleben. Diese Fahrzeuge sind parallel zum Elektromotor immer noch mit einem Verbrennungsmotor ausgerüstet. Wir gehen davon aus, dass der Verbrennungsmotor voraussichtlich noch lange die dominierende Technologie bleiben wird. Ob und wann es allenfalls zu einer kompletten Wende zur E-Mobilität kommt, lässt sich heute unmöglich vorhersagen. Trotzdem wird die grosse Herausforderung der Garagisten darin liegen, die notwendigen Anpassungen umzusetzen und die entsprechenden Fachleute sicherzustellen. Mit der zunehmenden Elektrifizierung fallen heute relevante Margenträger wie Motorenöle sowie diverse Ersatzteile weg und müssen durch neue Geschäftsfelder kompensiert werden. Bevor wir soweit sind, spielen Themen wie Kostenreduktion und Optimierung der Einkaufs- und Verkaufsstrukturen weiterhin eine deutlich wichtigere Rolle.

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Magazin: AutoInside