«Garagisten und Händler sind bei Rücknahmen wählerischer geworden»

Mitten in die Corona-Krise publiziert die FIGAS Autogewerbe-Treuhand der Schweiz AG ihren Branchenspiegel. Im Interview spricht Jvan Hutter, Ökonom und Leiter Business Management bei FIGAS, über die Zahlen aus dem Jahr 2019 und über die Herausforderungen des Jahrs 2020.

Jvan Hutter, wir sprechen über den FIGAS-Branchenspiegel 2019. Jetzt schreiben wir 2020 und sind mitten in der Corona-Krise. Ist der Branchenspiegel nur noch Makulatur?
Jvan Hutter: Ganz im Gegenteil. Insbesondere in Krisenzeiten sind verlässliche Zahlen ein wichtiges Führungsinstrument. Der FIGAS-Branchenspiegel bietet die relevanten Kennzahlen der Geschäftsentwicklung in einem mehrjährigen Vergleich. Wir sind überzeugt, dass diese Zahlen eine sehr gute Argumentationsbasis für die Garagisten in Verhandlungen mit Stakeholdern wie Banken sind.

Gibt es schon Zahlenmaterial über das aktuelle Jahr?
Was wir feststellen, sind die markanten Einbrüche im Neuwagenhandel im ersten Quartal 2020. Die ersten Daten der Markenhändler erhalten wir jeweils in der zweiten Hälfte des Aprils. Somit können wir leider noch keine allgemeingültigen Aussagen machen.

Spannend ist der Fakt, dass der Bruttogewinn bei Neuwagen 2019 leicht rückläufig war, während der Bruttogewinn im Occasionshandel erneut leicht anstieg. Bestätigt das die These, dass der Markenhändler im Bereich Occasionen mehr unternehmerische Freiheiten geniesst als im Neuwagenverkauf?
FIGAS weist seit Jahren darauf hin, dass mit dem Occasionshandel noch Geld verdient werden kann. Bei den Neuwagen hat der Verkaufs- und Margendruck weiter zugenommen. Die Bonus-Reglemente der Importeure führen dazu, dass die Neuwagenmarge stark vom Erfüllungsgrad der Absatzziele abhängig ist. Aus dieser Perspektive hat der Garagist im Occasionshandel noch eine gewisse unternehmerische Freiheit und einige Hebel, seine Marge zu verbessern: So sollte er bei Leasing-Rückläufern die Restwerte nicht zu hoch ansetzen, das drückt auf die Marge. Auch ein aktives Occasionsmanagement mit Zukäufen von bestimmten Fahrzeugen kann lukrativ sein. Allerdings ist der Spielraum in Zeiten der Internet-Konkurrenz und der Vergleichbarkeit der Angebote nicht mehr so gross wie noch vor einigen Jahren.

Die Dieselthematik scheint keine Auswirkungen auf die Rentabilität im Geschäft mit Neu- und Gebrauchtwagen zu haben. Wie erklären Sie sich das?
Bei den Neuwagen ist eine eindeutige Tendenz zu sehen: Der Rückgang bei den Dieselfahrzeugen wird fast vollumfänglich durch Hybrid-Fahrzeuge kompensiert. Autofahrer, die ein sparsames Fahrzeug suchen, entscheiden sich heute eher für den Hybrid-Antrieb. Dieser Trend zeigt sich mit zeitlicher Verzögerung auch bei den neuwertigen Gebrauchtwagen. Dort hängt die Rentabilität stark von den angebotenen Fahrzeugen ab. Es gibt nach wie vor sehr gefragte Dieselmodelle. Auf der anderen Seite werden unattraktive und/oder unverkäufliche Autos entsprechend tief eingekauft oder gar nicht mehr eingetauscht. Die Garagisten und Händler sind wählerischer geworden.

Ebenfalls interessant: Bei den Occasionen steigt der Umsatz pro Verkäufer. Der AGVS investiert einiges in die Weiterbildung im Bereich Occasionen. Sind die Verkäufer fitter als früher?
Mit der steigenden Komplexität der Fahrzeuge und der immer höheren Anspruchshaltung seitens der Kunden steigen sicher auch die Ansprüche an die Automobil-Verkaufsberater. Viele Verkäufer von Occasionen haben in den letzten Jahren gelernt, dass das Occasionsgeschäft intensiv betreut werden muss, und bilden sich aktiv weiter. Der AGVS leistet hier einen wichtigen Beitrag. Auf der anderen Seite muss man aber auch sehen. dass oft neuere und entsprechend hochpreisige Fahrzeuge auf dem Occasionsmarkt angeboten werden. Dadurch lässt sich ein Grossteil des Umsatzwachstums pro Verkäufer sicher auch auf die höheren Preise der Gebrauchtwagen zurückführen.

Auch die Umsätze in der Werkstatt steigen – sowohl absolut wie pro Mitarbeitenden. Was sind die Gründe?
Die Hauptgründe sind einerseits die jährlichen Erhöhungen der Verrechnungslöhne sowie der kontinuierliche Anstieg des Fahrzeugbestandes. Dieser ist seit 2015 um rund 3.8% gewachsen. Diese Umsätze wurden mit nahezu gleich viel Personal erwirtschaftet. In Zukunft und mit der zunehmenden Elektrifizierung des Schweizer Fahrzeugparks ist leider mittel- und langfristig mit sinkenden Umsätzen im technischen Bereich zu rechnen.

Zu denken geben der Eigenfinanzierungsgrad und die Liquidität, die beide rückläufig sind. Machen Sie sich im Jahr der Corona-Krise Sorgen um unsere Garagisten und deren Mitarbeitende?
Im Gegensatz zu anderen Branchen sind die Werkstätten auch während der Corona-Krise offen – wenn auch mit reduzierter Auslastung. Voraussichtlich wird es nach der Krise einen gewissen Nachholbedarf für Reparaturen oder Garantiearbeiten geben. Was sich voraussichtlich negativ auswirken wird, sind die Einbrüche bei den Neuwagenverkäufen. Da viele Hersteller die Produktion eingeschränkt oder sogar ganz gestoppt haben, wird sich dies auch nicht kurzfristig ändern. Der Wunsch nach individueller Mobilität ist jedoch ungebrochen, die Menschen werden voraussichtlich auch in Zukunft nicht auf das Privatauto verzichten wollen. Zusammengefasst lässt sich feststellen: Für Unternehmen, die sich bereits vor der Krise schwertaten und nur über geringe Liquiditätsreserven verfügen, stellt Corona eine grosse Herausforderung dar. Garagen, die finanziell gut aufgestellt waren, werden auch diese Zeit gut überstehen.

Was raten Sie Garagisten, wie sie sich jetzt finanziell verhalten sollen?
An erster Stelle steht die Sicherung der Liquidität. Garagisten sollten also laufend fakturieren und das Mahnwesen aufrechterhalten. Hilfreich ist sicher die Erstellung eines Liquiditätsplans mit verschiedenen Szenarien. Überbrückungskredite des Bundes und Kurzarbeit können ebenfalls in Betracht gezogen werden. Möglich sind allenfalls auch Darlehen der Gesellschafter respektive Aktionäre, die Senkung der Betriebskosten durch Reduktion der Mietaufwände oder durch den Aufschub nicht dringender Ausgaben für Unterhalt oder Sanierungen, um nur einige Massnahmen zu nennen. Was wir festgestellt haben: Die meisten Importeure haben rasch und proaktiv auf die Corona-Krise reagiert und dazu beigetragen, die Unsicherheit bei den Händlern abzubauen. Auch FIGAS informiert laufend und ausführlich über die neuesten Entwicklungen betreffend Kurzarbeit, Empfehlungen zur Liquidität sowie dem Massnahmenpaket des Bundes.

Gibt es in der Corona-Krise auch Chancen für die Garagisten?
Es ist schwierig, in dieser Zeit etwas Positives zu finden. Wie vorhin gesagt: Es ist anzunehmen, dass es bei Service- und Reparaturarbeiten nach der Aufhebung der behördlichen Restriktionen zu einem gewissen Nachholbedarf und entsprechend zu einer Mehrbelastung der Werkstatt kommen könnte. Was Garagisten jetzt tun können: Sie können die Zeit nutzen zur Vorbereitung auf die Zeit danach. Sie können ihre Situation analysieren und sich strategische Gedanken über die zukünftige Ausrichtung machen. Ganz konkret sollten sie nun Überzeiten und Ferienguthaben abbauen. Die Krise ist für viele Garagisten auch ein Anlass, ihre digitalen Fähigkeiten auszubauen. Ich denke an Online-Marketing und E-Commerce. Wie es so schön heisst – jede Krise hat auch ihre Chance. Wichtig ist, was wir daraus lernen. Denn wer vorbereitet aus der Krise kommt und daraus die richtigen Schlüsse zieht, der wird schneller wieder Fuss fassen und erfolgreich sein.

Bericht als PDF-Datei

Foto und Text: Sandro Compagno / AutoInside